
Die Bibliothek ist die Hauptattraktion des Schlosses. Sie wurde im alten Rittersaal eingerichtet, die Kassettendecke stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Mauerdicke von mehr als drei Metern verweist darauf, dass das Schloss einst eine Festung gewesen ist.
Warum gibt es eine solche Bibliothek in einem mittelalterlichen Schloss in einer abgelegenen ländlichen Gegend? Die Geschichte beginnt so: eine junge Polin, Hélène Masalska, die Nichte des Erzbischofs von Vilna, erhielt ihre schulische Bildung zusammen mit französischen Adligen in der Abbaye du Bois in Paris. Am 29. Juli 1779 heiratete die Sechzehnjährige in Versailles den einundzwanzigjährigen Charles Antoine de Ligne, Sohn von Charles Joseph de Ligne, einem der bekanntesten Prinzen Europas. Hélène Masalska begann im Laufe ihrer Ausbildung Bücher zu lieben, und kaufte immer mehr davon. In ihrer Ehe ging es immer schlechter. Hélène reiste nach Warschau, wo sie dem polnischen Prinzen Vincent Potocky (geb. 1749) begegnete. Es war Liebe auf dem ersten Blick. Sie verliess ihren Ehemann, obwohl sie kurz davor eine Tochter zur Welt gebracht hatte, Sidonie (1786-1828), die von ihren Grosseltern väterlicherseits erzogen wurde. Hélène verlässt ihren Mann, sie konnte jedoch nicht heiraten, denn sowohl sie wie Potocky waren noch verheiratet. Beide versuchten, ihre Ehe zu annullieren. Während des Krieges, der Campagne de l’Argonne 1792, wurde der Prinz de Ligne von einer französischen Kugel tödlich getroffen. Hélène wurde frei. Vincent Potocky erreichte die Annullierung seiner Ehe, nachdem er sich gegen die Familie durchgesetzt hatte.
Hélène de Ligne wird somit Hélène Potocka, und führte ein bewegtes Leben. Der Prinz war häufig in Geschäften unterwegs und Hélène blieb in Paris mitten in ihren Büchern. 1815 starb sie. Im Inventar ihrer Wohnung fand man 20'000 Romane und 20'000 andere wertvolle Bücher.
Vor ihrem Tod näherte sie sich der Familie de Ligne wieder an und versöhnte sich mit ihr und ihrer Tochter Sidonie. Es gelang ihr, Sidonie mit François Potocky(1788-1853), dem Sohn ihres Ehemannes, zu verheiraten. Die Kinder erbten das Familien-Vermögen. Die Bücher des Schlosses tragen fast alle das Ex-Libris von François Potocky.
Genaueres weiss man nicht, aber gegen 1825 mussten die Potocky Paris ziemlich überstürzt verlassen. Sie begaben sich mit der Bibliothek auf eines ihrer Schlösser, das Schloss Brody, in Polen, heute in der Ukraine.

Um 1880 wurde die Bibliothek verkauft. Da betritt der letzte Schlossherr von Oron, Adolphe Gaiffe, die Bühne. Er begab sich mit dem Prinzen von Sagan nach Brody, um die Bibliothek zu kaufen.
Gaiffes Sohn Daniel geriet jedoch später in finanzielle Schwierigkeiten und verkaufte wertvolle Bände, wahrscheinlich ungefähr 10'000, aus der Bibliothek.
Diese Bibliothek ist vollständig nach Autoren und Themen erschlossen. Sie ist zugänglich für die Forschung, die sich den Romanen des 18. Jahrhunderts widmet. Die Bibliothek ist die bedeutendste Privatbibliothek der Welt in Bezug auf ihren Bestand an Romane des 18. Jahrhunderts (Artikel lesen).
Der Katalog ist im Internet hier zugänglich.
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